Die wahre Geschichte über Bürokratie und Rechtsstaat in einer wahren Posse. Und die geht so:
Irgendwann beschloss ich mal Vermieter zu sein. Gesagt getan, von da an nahm das Geschehen seinen lauf.
Eines Tages hatte ich einen Mieter der nix mehr bezahlte. Dann war er irgendwann mal komplett verschwunden. Man traf sich vor Gericht und seitdem habe ich einen Titel und damit auch Forderungen gegen den Ex-Mieter - künftig Zechpreller genannt. Wie das Schuldenverzeichnis mir seinerzeit verriet, war ich nicht alleine, sondern hatte (Forderungs-)Konkurrenten.
Das war im Jahr 2004. Nichts mehr gehört vom Zechpreller seitdem, selbstverständlich auch keine Anstalten seine Verbindlichkeiten zu begleichen.Warum auch?
Der Zufall wollte es, dass der ganze Vorgang Anfang des Jahres 2010 wieder in mein Blickfeld geriet.
Wie war der Stand der Dinge?
Der Zechpreller hatte zu der Zeit als er bei mir wohnte den Nachnamen seiner damaligen Ehefrau. Nachdem er bei mir weg war und geschieden war, hatte er wieder seinen Mädchennamen - oder wie das in seinem Fall heißen mag - angenommen. Sowas erschwert die Fahndung nach solchen Leutchen ungemein.
Gut, jetzt wusste ich es. Und was mach ich damit? Mich schlau machen. Aha.
Man sollte wissen, dass man mit einem Titel in der Hand keinesfalls auf Hilfe der staatlichen Institutionen hoffen darf. Einzelkämpferische Fähigkeiten sind das Gebot der Stunde.
Zunächst mal Adresse ermitteln. Glück gehabt, er wohnt noch in der geliebten Hematstadt. Mal unauffällig das Klingelschild ausgespäht. Bingo. Gut, erledigt. Ich fühle schon die "Strasse des Sieges."
Der Titel ist mit dem alten Namen aber nicht mehr gültig. Der muss beim Amtsgericht geändert werden. Ergebnis der telefonischen Nachfrage war, dass ICH das ganze nachweisen muß. Wie das geht? Auszug aus dem Standesregister vorlegen. Hört sich zunächst simpel an.
Also die Telefonnummer meiner geliebten Heimatstadt angerufen. Ich wusste gar nicht, dass man da nicht mehr bei der entsprechenden Behörde anruft, nein, nein, das wäre zu einfach. Die Stadt ist modern, es geht zum Call Center (CC), wo auch immer das sitzten mag, man sprach deutsch. Nicht selbstverständlich heutzutage.
Ich: "Guten Tag, bla bla bla, das ist mein anliegen ans Standesamt"
CC: "Ja, die Auskunft können wir nicht jedem geben. Datenschutz und so."
Ich: "Ich habe aber ein berechtigtes Interesse und auch einen Titel."
CC: "Wo haben die denn geheiratet?"
Ich: "Keine Ahnung."
CC: " Und wann?"
Ich: " Keine Ahnung. Ich war auch nicht eingeladen."
CC:" Das muss man aber schon wissen um die Zuständigkeit zu prüfen. Am besten fahren Sie mal zum Standesamt um das vor Ort zu klären."
Ich: "Zuvor würde ich aber schonmal gerne mit dem Standesamt sprechen, verbinden Sie mich doch mal bitte weiter."
CC: "Das geht nicht."
Ich: "Warum nicht?"
CC: "Die haben keine Telefone." (das war ein wörtliches Zitat!)
Ich (sprachlos)
Das Gespräch war dann auch rasch beendet.
Was tun, fragt sich der Depp (ich)?
Im Internet die Mail Adresse des Standesamtes meiner geliebten Heimatstadt herausgesucht und mein Begehren in eine Mail gepackt. Das war am 2. Februar. Am 3 März mal nachgebohrt mit einer erneuten Mail.
Und siehe da: Am 10. März klingelt der Briefträger um mir die frohe Kunde zu verkünden, dass er für 14,60 EUR (plus 0,40 EUR Tipp für ihn, Euphorie halt) ein Brieflein hat.
Mit zittrigen Händen aufgerissen das ganze und den gewünschten Auszug aus dem Standesregister in Händen gehalten. Erstmal das geheiligte Dokument kopiert. Zur Sicherheit mehrfach.
Die Verkehrsgeräusche der "Strasse des Sieges" sind schon zu hören.
Am nächsten morgen alles eingepackt und ab zum Amtsgericht meiner geliebten Heimatstadt.
Die siebte Etage war mein Ziel. Keiner vor mir und ich war direkt dran.
Bla bla bla darum geht es. Die Dame meinte sogleich, dass da was war. Sie hat dann gründlich nachgeschaut und siehe da: gleich am 2. Februar hatte das Standesamt ihr einen Auszug aus dem Standesregister geschickt. Auch das Aktenzeichen war dabei, aber leider nicht worum es konkret geht. Bravo Standesamt, geht doch, soll mal einer sagen Behörden wären langsam und untätig.
In unserer Freude hat mir die freundliche Dame dann zugesagt, dass sofort zu ändern. Leider stellte sich dann heraus, dass der Vorgang so alt ist, dass er Mikro verfilmt ist und im Archiv lagert. Muss also erst heraus gesucht werden. Das kann dauern und das originale Urteil muss in der Amtsstube verbleiben. Also erstmal in den 14. Stock eine Kopie für mich machen. Wieder runter, alles abgegeben und ein schönes Wochenende gewünscht.
Dann, bei der Gelegenheit, mal in den 9. Stock gehen.
Warum? Mein Freund Fisch (Anwalt von Beruf) hatte über die krumme Figur Zechpreller eine aktuelle Anfrage über das Schuldnerverzeichnis angefordert. Man ist ja schließlich neugierig ob man noch Forderungs-Konkurrenten hat.
Diese Auskunft kam sehr rasch, war aber sehr mager und mangelhaft ausgefüllt. Mit all meinen gesammelten Infos mal bei der Dame vorstellig werden. Nach anfänglicher Zickigkeit hat mein Charme obsiegt und wir haben unter allen Nachnamen nachgeschaut. Nix. Keine weiteren Konkurrenten. Sehr gut!
Am darauf folgendem Montag hatte der Briefträger wieder Post für mich: die Dame vom 7. Stock hat doch gleich die Akte gezogen und den Titel abgeändert. Ganz große Klasse!
Der Depp (ich) verfällt in größere Euphorie. Nicht nur zu hören, nein sogar schon zu sehen ist sie die "Strasse des Sieges".
Alles beisammen, da stellt sich die Frage, wie man das Geld eintreibt.
Im Prinzip hat man drei Möglichkeiten:
- Gerichtsvollzieher zuhause vorbei schicken zur Pfändung.
- Pfändung der Mietkaution beim jetzigen Vermieter (das wollte man bei mir auch mal machen).
- Lohnpfändung beim Arbeitgeber.
Wie es der Zufall wollte habe ich den Arbeitgeber heraus bekommen. Aus diesem Grunde hat mein Beraterteam die Variante der "Lohnpfändung" als das erste Mittel auserkoren.
Freund Fisch hat das amtliche Formular zur Lohnpfändung ausgegraben und wir haben das schnell ausgefüllt.
Sodann stand für mich wieder eine Reise zum Amtsgericht meiner geliebten Heimatstadt an.
Zuständig ist der 9. Stock und da just die Dame die ich einige Tage zuvor wegen dem Schuldnerverzeichnis beehrt hatte. Schon klar, das Formular muss nicht einfach, nein, sondern dreifach abgeliefert werden,
nebst 15.- EUR Gebühren. Als Mensch mit intimster Kenntnis des Amtsgerichts meiner geliebten Heimatstadt habe ich flink vom 9. Stockwerk zum 14. gewechselt um zu kopieren, von da zum ersten Stockwerk zum löhnen und sodann wieder zum neunten zurück. Das ganze in Bestzeit und vor HighNoon (Ende Publikumsverkehr) geschafft. Prima, die gute Frau hatte nix mehr zu meckern. Well done Depp (ich)!
Nach Hause gefahren und ein paar Tage später Post vom Rechtspfleger erhalten (das ist der, der das ganze anzuordnen hat). Alle Unterlagen zurück, ich möge bitte "die Zustellung nachweisen"!?!? "Watt iss datt?" fragt sich da der Rheinländer, der nicht mehr ganz so frohsinnig ist, wie man es von ihm erwarten könnte. Fisch zu rate gezogen und das ganze geht so:
ALLE beteiligten Figuren treffen sich vor Gericht und handeln einen Vergleich aus, auf den ALLE (mehr oder weniger begeistert) mit dem Kopf nicken. Das wird protokolliert und den Beteiligten zugestellt. Der Arsch
(also Gläubiger, also Depp, also ich) muss ein gewisses Stempelwerk auf seinem Protokoll haben:
- das das ganze alles richtig geschrieben ist,
- das mit diesem Protokoll die Vollstreckung durchgeführt werden kann und
- das dem Gläubiger (Beklagter, Zechpreller, Lump oder wie auch immer) dieses Protokoll ebenfalls zugestellt wurde.
Die "Strasse des Sieges" ist meinem Blick entzogen, aber Verkehrsgeräusche sind noch wahrnehmbar.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten:
- die Zustellung ist in den Akten vermerkt oder aber
- das Protokoll wurde nicht zugestellt und ich muss es jetzt vom Gerichtsvollzieher zustellen lassen.
Ich (Depp) werde eine Rast auf dem Weg zur "Strasse des Sieges" einlegen. Ein Päuschen tut auch mir gut. Wenn mir langweilig wird, hab ich noch einen weiteren Titel gegen eine Mieterin, aber das ist eine andere Story.
To be continued ...
Hier gehte es weiter zum zweiten Teil.
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